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Brigitte, Rocko und Amor

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14. Dezember 2022

„Männer, die Rocko heißen, haben den Blues in ihren Adern … Sie sind meist von Bourbon blau … Frauen, die große Blusen tragen, werden oft Biggy genannt, heißen aber Brigitte … Sie haben einen untrüglichen Mutterinstinkt … Liebeskummer lohnt sich nicht, my darling … Wer blöd ist, hat weniger Sorgen … Herzeleid trifft ja immer die Falschen.“

Gedanken schossen Amor durch den Kopf, während er im Klatschmohn lag und sich zwischen seinen Beinen kratzte. Er wusste nur zu gut, dass ihm letzterer Spaß lediglich sonntags vergönnt war. Eine Anordnung von allerhöchster Stelle, die er bei Antritt seines Amtes in ein kleines Merkheft zu notieren hatte. Ein Fuchs, der er war, ließ er gleich am ersten Tag das Heftchen unauffindbar verschwinden – und zwar mit Vorsatz. Fortan kratzte er sich also auch heimlich an Werktagen.

Kurz gesagt: Amor war nicht gründlich aber mit allen Wassern gewaschen.

Heute war Sonntag und es juckte wie die Pest. Je mehr er kratzte, desto mehr juckte es – und je mehr es juckte, desto mehr kratzte er. Amor befand sich in einem Teufelskreis der Güteklasse eins.

Um 18 Uhr war dieser Zustand nicht mehr auszuhalten und um 18:15 Uhr beschloss er, seinem Dasein einen Schlusspunkt zu setzen. Er war der Überzeugung, dass wenn die Erde tatsächlich rund sei, sein eigener Pfeil ihn eigentlich von hinten treffen müsste, wenn er ihn nur fest genug abschießen würde.

So tauchte er die Pfeilspitze in eine Brühe aus verdorbenen Amseleiern, fermentiertem Blaubarsch und abgestandener Brombeerlimonade. Dann spannte er den Bogen und schoss in Blickrichtung ab.

Ahnen wir, was weiter passierte? Wir ahnen, was weiter passieren musste!

Der Pfeil (er war übrigens mit geschmackvollen Intarsienarbeiten und religiösen Motiven mehr als kunstvoll verziert) flog nur über den halben Erdball und traf Brigitte. Sie hatte ihre schweißtreibenden Einkäufe erledigt und befand sich nun schwer bepackt auf dem Weg zu ihrer 1½-Zimmer-Wohnung. Als sie gerade an der Bar mit dem verheißungsvollen Namen „Paradies – bei Heinz“ vorüberlief, verspürte sie plötzlich einen jähen Stich in der Herzgegend. Wie verhext blieb sie stehen und sah wie die Tür sich öffnete und ein Mann, der nur Rocko heißen konnte, das Paradies wankend verließ, um gradewegs in ihre Arme zu laufen.

Rocko sah aus wie ein Rochen und er roch wie er aussah. Eine unangenehme Erscheinung, deren Blick nun auf Brigittes Einkäufe fiel, die ob des Zusammenpralls verstreut auf dem Gehsteig lagen: Brot, Butter, Lachsersatz und 46 Schachteln Ernte 23. Rocko bekam plötzlich Hunger, Schmacht und – warum auch immer – Nachdurst. Brigitte bekam einen roten Kopf und neun Monate später Zwillinge.

Der Junge heißt Adam, das Mädchen Evangelista. Sie will Stewardess werden. Adam ist Priesteramtsanwärter. Brigitte arbeitet in einer Reinigung und Rocko pfeift ständig wem hinterher.

Auf der anderen Seite der Erdkugel liegt Amor im Klatschmohn flach wie eine Flunder mit zugekniffenen Augen auf dem Boden. Er hofft, der vergiftete Pfeil möge über seinen Kopf hinwegzischen.

Wieder ist es Sonntag.

 

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